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Kommentarverbot auf Facebook-Seiten?

Shitstrom-geplagte Unternehmen atmen erleichtert auf, Social-Media-Expertinnen und -Experten sind entsetzt: Facebook bietet Seiten künftig die Möglichkeit, die Kommentarfunktion von Beiträgen einzuschränken. Eine komplette Deaktivierung kommt allerdings nur über die Hintertüre – und auch das mit Ausnahmen.

Deaktivierung über Umwege

Seit Kurzem ermöglicht Facebook seinen Seitenbetreiberinnen und -betreibern, Kommentare unter Beiträgen deutlich einzuschränken. Das de facto-Verbot kommt über die Hintertüre: Bei einzelnen Posts lässt sich künftig auswählen, wer den Beitrag kommentieren kann. Die Auswahloptionen sind „Öffentlich“, „Seiten, die du abonniert hast“ und „Profile und Seiten, die du erwähnst“. Wird beispielsweise letzterer Punkt ausgewählt und im Beitrag niemand markiert, kann auch niemand kommentieren. Damit ist es möglich, Facebook-Seiten theoretisch als reine Push-Kanäle zu betreiben.

 

Einführung schrittweise und undurchsichtig

Die Funktion ist für einige Nutzerinnen und Nutzer bereits verfügbar und wird – wie von Facebook gewohnt – undurchsichtig schrittweise eingeführt. Wer wann damit rechnen kann, die Funktion zu nutzen, wird nicht bekannt gegeben. Auffallend ist außerdem, dass offenbar verifizierte Seiten und verifizierte Nutzerinnen und Nutzer immer noch völlig unabhängig von den Einstellungen kommentieren können. Das betrifft Prominente und Journalisten aber auch Marken. Nur „Otto Normalverbraucher“ ärgert sich also über die Sperre.

 

Aufatmen auf der einen Seite…

Mit der neuen Funktion kommt Facebook vor allem Unternehmen entgegen, die sich mit Community-Management schwertun. Zwar gibt es bereits verschieden Tools, wie etwa das Definieren von Sperrbegriffen, oder das Löschen einzelner Kommentare – aber mit dem kompletten schließen der Kommentarspalte „spart“ man sich diese Feinarbeit. Ein Wundermittel gegen Shitstorms also? Eher nicht: Widerstand verlagert sich dadurch nur von der Facebook-Seite auf einem anderen Kanal – auf den das Unternehmen möglicherweise weniger Einfluss hat.

 

…Empörung auf der anderen Seite

Social-Media-ExpertInnen und -Experten sind von der Neuerung nicht begeistert. Der in den sozialen Netzwerken so wichtige Austausch wird damit schließlich deutlich eingeschränkt. Nutzerinnen und Nutzer werden verstimmt sein, wenn sie merken, dass Kommentare gar nicht möglich sind – selbst wenn sie keine bösen Nachrichten posten wollten. In weiterer Folge wird man sich daher auch mit dem Vorwurf der „Zensur“ auseinandersetzen müssen. Jens Wiese von der Branchenplattform „AllFacebook.de“ spricht sogar davon, dass auf Facebook „das ‚Social‘ in ‚Social Media‘“ sterben könnte, sollten zu viele Unternehmen von der Funktion Gebrauch machen.

 

Einschränkung mit Einschränkungen

Ganz so dramatisch ist es in der Realität allerdings nicht. Verifizierte Seiten sind wie erwähnt ausgenommen. Außerdem lässt sich die Einstellung nicht pauschal für alle Beiträge machen, sondern muss für jedes Posting einzeln ausgewählt werden. Und: Über den Business Manager oder im Creator Tool findet sich die Funktion bisher noch gar nicht. Facebook bewirbt die Neuerung auch nicht offensiv. Es bleibt spannend, ob die Plattform nach diesem Testballon also nicht doch noch einen Rückzieher macht.